Hünfeld:
Detektivarbeit auf der Suche nach Identität

Regionales

Ein Artikel von Redaktion

Um ein Kind adoptieren zu können, müssen die neuen Eltern persönliche Reife, ein gesichertes Einkommen sowie ausreichend Wohnraum vorweisen. Doch wie gestaltet sich der Prozess für das Kind? Im Gästehaus des Bonifatiusklosters Hünfeld las Autor Rainer Wrage, der selbst adoptiert wurde, jetzt aus seinem Buch „Nuckeldecke“ vor und stellte sich den Fragen der Adoptionswilligen.

Veranstaltet wurde die Lesung von der gemeinsamen Adoptionsvermittlungsstelle der Landkreise Fulda und Hersfeld-Rotenburg sowie der Stadt Fulda. Der ehemalige Chef-Bankier Wrage erfuhr erst als Erwachsener von seiner Adoption und machte sich auf die Suche nach seiner leiblichen Mutter. Nach jahrelanger Detektivarbeit kam im Jahr 1996 ein erstes Treffen zustande: „Im Buch habe ich meine Erlebnisse verarbeitet – auch um für Leser verständlich zu machen, wie wichtig Klarheit über die eigene Herkunft für die Identität eines Heranwachsenden ist. Mein Fall stellt sicher ein Extrembeispiel dar: Ich wurde 1945 geboren, und meine Adoption wurde 1949 ausgesprochen. Abgesehen von Name und Geburtsort hatte ich keine weiteren Informationen über meine Mutter – nur viele kleine Erinnerungen und emotionale Fragmente. Das kann angesichts der heutigen Datenfülle beim Adoptionsprozess natürlich nicht mehr vorkommen, zeigt aber die Wichtigkeit von Kommunikation während dieser Phase der Veränderung auf“, erklärte Wrage.

Denn um einen harmonischen Übergang von „alter“ zu „neuer“ Familie fürs Kind zu gewährleisten, braucht es Zeit: Unter den als geeignet anerkannten Adoptivbewerbern müssen diejenigen ausgewählt werden, von denen angenommen wird, dass sie das Kind mit seiner Persönlichkeit, seinen besonderen Bedürfnissen und seinem familiären Hintergrund annehmen können und sich den Anforderungen als Eltern gewachsen sehen. Mit den zukünftigen Adoptiveltern werden bei Vermittlungsbeginn die Herkunftsgeschichte, der Entwicklungsstand und die gesundheitliche Situation des Kindes ausführlich besprochen. Besonders bei älteren Kindern ist eine längere, von Beratung begleitete Anbahnungszeit notwendig.

Jedoch ist es auch weiterhin möglich, bei einer Adoption Anonymität zu wahren. Bei dieser sogenannten Inkognitovermittlung lernen sich die Beteiligten nicht kennen und erfahren auch keine Namen und Anschriften. Bei der halboffenen Adoption werden briefliche Kontakte über die Adoptionsvermittlungsstelle zwischen Adoptiveltern und leiblichen Eltern ausgetauscht, bei der offenen Adoption lernen sich leibliche Eltern und zukünftige Adoptiveltern persönlich kennen. „Die Beteiligten entscheiden selbst über die weitere Gestaltung ihrer Beziehungen“, erklärt Irmgard Plappert von der Adoptionsvermittlungsstelle. Zunehmend würden offene Adoptionsformen gewünscht. Dies werde von allen Beteiligten als bereichernd erlebt, ergänzte ihre Kollegin Ines George.


Rainer Wrage beleuchtete bei der Lesung aus seinem Buch „Nuckeldecke“ im Bonifatiuskloster Hünfeld die Adoption aus Sicht des Kindes | Foto: M. Auth

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