Heringen (Werra):
WGH: Statt Stadtverordnetenversammlung nur telefonische Ausschusssitzung

Politik

Ein Artikel von Hans Ries (pm)

Egal, wer da nicht kommen kann oder will, so WGH-Pressesprecher Ries, man muss darüber entsetzt sein. Was muten wir -zum Vergleich- eigentlich all den Menschen zu, die für uns produzieren, kommissionieren, transportieren, einsortieren und an den Kassen sitzen, damit wir nicht verhungern, sondern bestens versorgt werden!?

Und dann noch die Ärzte und Pflegekräfte in den Praxen, Krankenhäusern und Pflegeheimen, deren Leistung wie selbstverständlich in Anspruch genommen wird!

Oder betrachten wir uns als Politiker grundsätzlich als wertvoller, als jene Menschen, die wir gerade täglich 8 Stunden -und mehr- für unser Wohlergehen schuften lassen?

Man sollte sich erinnern: für viel weniger Rechte und Möglichkeiten sind Millionen Menschen in Europa in den letzten 250 Jahren ins Gewehr-und Kanonenfeuer der Autokraten gerannt um eine bessere Welt zu schaffen oder sie wurden einfach umgebracht, weil sie den Diktatoren im Wege waren.

Mich, so Ries, macht die Absage der Stadtverordnetenversammlung fassungslos, zumal wir in diesem gigantischen Heringer Bürgerhaus so viel Platz haben, dass sich die 31 Stadtverordneten locker 5 Meter auseinander setzen könnten.Ich habe meinem Ärger schon bezüglich der telefonischen Magistratssitzungen Luft gemacht, weil wir uns auch zu solchen wöchentlichen Sitzungen problemlos treffen könnten, ohne auch nur gegen eine Regel zu verstoßen bzw. unsere Gesundheit zu gefährden.

Und nun auch das noch!

Jeder und jede sollte sich einmal vorstellen, wie sein eigenes Leben wohl aussehen würde, wenn alle, deren Leistung wir gerade jetzt so selbstverständlich in Anspruch nehmen, sich an uns Politikern ein Beispiel nehmen würden?

Und welches Signal senden wir eigentlich an solche machtversessenen bösen Geister wie in Ungarn aus, die mit der Coronakrise als Alibi bereits die erste lupenreine Diktatur innerhalb der EU errichtet haben?

Wer meint, dass man Demokratie und Recht nicht jeden Tag und besonders in schwierigen Zeiten, verteidigen und hüten müsse, der glaubt auch, dass er seine Brieftasche sorglos auf eine Frankfurter Bahnhofsbank legen kann um sie genau dort und völlig unberührt, zwei Tage später wieder abholen zu können.

Ach ja, 1918/19 sind in diesem Land Millionen Menschen für Demokratie, Mitbestimmung und bessere Lebensbedingungen -und trotz auf sie gerichtetem Maschinengewehrfeuer- auf die Straßen gegangen und dies, obwohl die Spanische Grippe in Verbindung mit Cholera, TBC und Typhus sowie einem fürchterlichen auszehrenden Hungerelend nach dem entsetzlichen Krieg, zeitgleich in Deutschland 500.000 Menschenleben forderte (weltweit waren es zwischen 50 und 100 Millionen).

Zumindest ein winziges Stückchen diesen Mutes und dieser Unerschütterlichkeit für eine großartige Idee würde ich mir heute ebenfalls wünschen.

„Das Leben ist immer lebensgefährlich, sonst wäre es kein Leben nicht“ (Großvater geb. 1888).

gez. Hans Ries